Unser heissgeliebtes Smartphone — der Alleskönner: Wecker, Navigationssystem, Nachrichtendienst, Telefon, Kalender, Kamera, Wettermann, Tageszeitung, Reminder, Internetzugang, Zahlungsmittel, Gesundheitstracker, Fitness-Kalender, Mini-Fernseher, Lexikon.

Es ist aus unserem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken. Wenn wir etwas wissen nicht wissen, hilft uns Google oder Siri. Wenn wir denken, dass wir nicht weiter joggen können, motivieren uns Fitness-Apps, schneller zu laufen. Zyklus-Apps verraten uns Frauen, wann unser Eisprung ist. Facebook schlägt uns vor, wer unsere Freunde sind. Google Maps gibt uns noch vor der Abfahrt Bescheid, ob wir bald im Stau stehen werden.

Bestimmt das Smartphone unser Leben? Sagt mir Social Media wer ich bin? Eigentlich war mir schon lange bewusst, dass ich viel Zeit am Handy verbringe und ja, schon fast ganz automatisch zum Handy greife, wenn ich einen Moment Ruhe hab oder mir langweilig ist. Ich denke gar nicht darüber nach. Es ist zum Reflex geworden.

Doch trotzdem hatte ich lange nicht das Gefühl, dass ich wirklich viel Zeit dadurch verliere. Denn das Handy habe ich ja nur relativ kurz in der Hand. 1–2 Minuten, maximal. Das kostet doch keine Zeit. Das merkt doch keiner. Und dann habe ich mich eine Woche lang selbst bei der Arbeit beobachtet. Nicht nur, was meine Handynutzung angeht, sondern wie oft ich abgelenkt werde und wie lange. Ich beschloss, genau darauf zu achten, wie oft ich mein Handy in die Hand nehme und wie schwer es mir fällt, es auch mal während der Arbeit in der Tasche zu lassen.

 

Die bittere Wahrheit

Mein Smartphone half mir, die Nutzung meines Smartphones über 6 Tage aufzuzeichnen. Ironie des Schicksals. Das Ergebnis: erschreckend. Laut App habe ich im Durchschnitt alle 23 Minuten mein Smartphone in der Hand. Pro „PickUp“ bleibt es dann dort auch für 2–6 Minuten. Doch da geht noch mehr. Wenn ich zur Höchstform auflaufe habe ich mein Handy sogar bis zu 20 Minuten ununterbrochen in der Hand. In diesen Phasen lag ich aber meistens auf der Couch zuhause oder sass im Zug. Während der Arbeit benutze ich das Smartphone also etwa 60–90 Minuten am Tag. In der Freizeit lag mein Rekord bei 3 Stunden und 12 Minuten! Als wäre das nicht schon erschreckend genug, muss ich ehrlich sagen: Ich habe keine Ahnung, was ich während dieser Zeit auf meinem Handy eigentlich tue. Klar, Whatsapp, Instagram, Facebook… Doch nimmt das wirklich so viel (Arbeits-)Zeit in Anspruch? Ich bin fassungslos.

Mit einem schlechten Gewissen starte ich also meinen Selbstversuch. 3 Arbeitstage ohne Ablenkung. Wie produktiv kann ich sein, wenn ich mich nicht ständig von Facebook & Co. ablenken lasse?

Tag 1.


06:04 Uhr. Mein Wecker, äh iPhone, klingelt. Ich nehme es in die Hand, drücke auf Stopp. Mein iPhone mutiert vom Wecker wieder zurück zu einem normalen Handy. Sieben Push Benachrichtigungen. Drei davon Whatsapp-Nachrichten meiner Freunde. Meine Trink-App erinnert mich daran, ein Glas Wasser zu trinken. Ein Unbekannter hat mir eine Anfrage auf Facebook geschickt. Eine Eilmeldung von 20 Minuten. Guten Morgen schöne digitale Welt. Schon jetzt spüre ich den Druck und Erwartungshaltung, auf all diese Updates zu reagieren, dabei würde ich am liebsten einfach noch etwas schlafen.

08:00 Uhr. Ich sitze im IR3729 von Bern nach Biel. Mein Arbeitstag beginnt. Ich schliesse alle unnötigen Tabs vom Wochenende und öffne nur arbeitsrelevante Seiten und Programme. Ich schliesse mein privates Mailprogramm und Whatsapp Web, öffne stattdessen Slack. Ein Blick auf die To-Do Liste zeigt mir schnell, an was ich heute arbeite. Ich fange an zu arbeiten und komme in einen guten Workflow. Das iPhone lasse ich links liegen.

08:56 Uhr. Mein Zug ist in Biel angekommen. Ich packe meinen Laptop ein und laufe vom Bahnhof in unser Büro am Bieler See. Schnell noch ein Blick auf mein iPhone. Eine WhatsApp Nachricht von meinem Freund. Ich genehmige mir, eine kurze Antwort zu tippen. Aber dann war’s das mit der weiteren iPhone-Nutzung.

 

09:12 Uhr. Mit dem ersten Kaffee des Tages setze ich mich an meinen Schreibtisch, öffne den Laptop wieder. Das iPhone bleibt im Rucksack.…

11:32 Uhr. Kurz vor der Mittagspause bemerke ich erste Entzugserscheinungen. Mein Blick wandert immer wieder Richtung Smartphone. Es flüstert mir förmlich zu: „Öffne mich!“. Ich merke, wie ich spürbar nervös werde. Einen Großteil meiner Arbeit habe ich schon erledigt. Der Blogpost ist fertig. Ran an die Social Media Strategie für UNICEF. Da wäre es doch soooo einfach mal kurz mein eigenes Instagram zu checken und nicht das des Kunden, oder? Verflixt nochmal. Das kann doch nicht so schwer sein? Ganz kurz Instagram und Whatsapp checken. Bitte bitte bitte, fleht mich mein Handy an. Nein. Ich bin stark, ich kann das. Ich räume das Smartphone in die Tasche. Weg damit. Aus den Augen – aus dem Sinn. Oder?

 

Habe ich meine innere Ruhe verloren?

14:53 Uhr. Mein tägliches Nachmittags-Tief überkommt mich. Es fällt mir schwerer, mich zu konzentrieren. Ich bin langsam müde und sehne mich nach einer kurzen Pause und Ablenkung. Gerade jetzt wäre es so schön, mein iPhone zu zücken oder nach sinnlosem Content zu googlen. Nur 5 Minuten! Es fällt mir schwer, standhaft zu bleiben. Doch ich schaffe es, mache mir einen Kaffee und gehe kurz raus an die frische Luft. Kaffee. Durchatmen. Weitermachen.

16:58 Uhr. Entzugserscheinungen kriege ich erneut auf dem Heimweg. Ich setze mich in den Zug, ziehe meine Jacke aus und kriege einen kurzen Herzinfarkt, als ich in meinen Jackentaschen nach meinem Handy suche. ES IST NICHT DA! Ich finde es nach etwa 10 schocksteifen Sekunden, tief in meinem Rucksack vergraben. Jetzt fällt mir ein, dass ich es vor mir selbst versteckt habe. Ich widerstehe. Nun sitze ich also da und schaue mich um. Ich nehme die Menschen um mich herum wahr, lausche hier und da einem Gespräch oder beobachte sie. (Ich gebe zu, ich komme mir ein bisschen komisch vor).
Als der Zug losfährt, wird es ziemlich still im Zug. Gegenüber sitzt eine ältere Dame, die mit ziemlich schlechten Kopfhörern extrem laute indische Musik hört. Die Kopfhörer hätte sie sich sparen können.
Das blosse „in sich verharren“ und die Umgebung wahrnehmen, macht mich nervös. Ich realisiere eine erschreckende Tatsache: Ich kann nicht mit mir und meinen Gedanken allein sein. Ich werde unruhig und hole meinen Laptop aus der Tasche, öffne lediglich das Dokument für diesen Artikel und schreibe weiter. Es beruhigt mich, meine nervösen Gedanken zu Papier zu bringen.  

 

17:34 Uhr. Zuhause angekommen werde ich rückfällig. Ich lege mich auf die Couch und nehme meine Lieblingsdroge iPhone mit. Ich öffne Instagram, scrolle und scrolle und scrolle… Ich schaue Instagram Stories und verfalle regelrecht in eine Art Trance. So vergehen bestimmt 20 Minuten. Hinterher fühle ich mich aber nicht besser. Nicht entspannter. Und so beschliesse ich, das iPhone für heute wegzuschliessen. Ich lege es ins Arbeitszimmer, schliesse die Tür und bin offline.

 

Tag 2.

Morgen:
Ein neuer Tag, ein neuer Versuch. Heute Morgen habe ich gar nicht das Bedürfnis danach, meine Social Media Kanäle zu checken. Zuvor habe ich alle Push Nachrichten ausgestellt. Lediglich die von Whatsapp & Mail lasse ich an. Es ist erstaunlich ruhig auf meinem Smartphone. Den Vormittag überstehe ich gut. Durch die fehlenden Benachrichtigungen erweckt das Smartphone meine Aufmerksamkeit nicht so. Als ich jedoch einige Whatsapp-Nachrichten erhalte, stecke ich es wieder in meinen Rucksack.

 

Nachmittag.
Das Handy ist zwar weg, doch mein beginnendes Nachmittagstief lässt mich von der Arbeit abschweifen. Als ich diesen folgenden Text hier schrieb, habe ich anschliessend 15 Minuten „Mum-Text-Memes angeschaut. WHAT’S WRONG WITH ME? Um ehrlich zu sein: Diesen Artikel zu schreiben erleichtert meinen Selbstversuch nicht wirklich, da ich so permanent mit dem Gedanken an mein Handy und der Ablenkung konfrontiert bin. Ich merke genau, das Smartphone ist nicht der alleinige Übeltäter. Manchmal ist es schlichtweg die Verführung, dass ich blitzschnell nach etwas googlen kann, das mir in den Sinn kommt.

 

Abend:
Feierabend. Ich habe mich dazu hinreissen lassen, sinnlosen Content zu konsumieren und weitere 26 wertvolle Minuten vergeudet. Es gelang mir zwar, das Smartphone wenig in die Hand zu nehmen, aber damit ist es leider nicht getan. Zuhause angekommen verbarrikadiere ich das Smartphone wieder in ein anderes Zimmer. Den Laptop lasse ich in meiner Tasche. Den Abend verbringe ich tatsächlich offline.

Auch wenn ich heute einen kleinen Rückfall hatte, habe ich bereits viel mehr geschafft, als sonst. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich mich insgesamt weniger ablenken liess, oder ob ich schneller und effizienter gearbeitet habe, weil ich wirklich immer nur einen Tab oder ein Dokument offen hatte. Mir wird bewusst, dass mir Social Media, vor allem Instagram, extrem viel Zeit raubt, selbst wenn ich es gar nicht benutze.

Tag 3.

Morgen:
Der letzte Tag des Selbstversuches bricht an. Heute vermisse ich das Smartphone schon viel weniger. Ich suche gar nicht mehr panisch meine Taschen ab und schaffe es tatsächlich, auch einfach mal inne zu halten und meine Umgebung wahrzunehmen.

Das Smartphone bleibt heute schon während der Zugfahrt in der Tasche. Den Laptop habe ich vor mir, meinen Kaffee in der linken Hand und eine Zeitung auf dem Tisch. Ich verspüre den Drang, Inhalte zu konsumieren. Doch diesmal nehme ich weder das Smartphone in die Hand, noch benutze ich meinen Laptop dazu. Ich nehme die Zeitung in die Hand und lese. Offline.

Ich schaffe es tatsächlich bis zur Mittagspause nicht einmal auf mein Handy zu schauen oder einen überflüssigen Tab zu öffnen. Der halbe Tag ist schon um. Ich habe nicht nur das Gefühl, dass der Tag schneller vergangen ist, sondern dass ich auch mehr geschafft habe, als ich sonst je bis zur Mittagspause geschafft hätte.

 

Der dritte Nachmittag ohne Ablenkung?

Mein tägliches 15 Uhr-Tief lässt grüssen. Es ist das Zeitfenster, in dem ich am anfälligsten für Ablenkung bin. So auch heute. Ich werde schwach und hole mein Smartphone aus der Tasche, öffne Instagram und scrolle. 3 Minuten lang. Dann wache ich aus meinem Insta-Koma auf. Zurück in die Realität, zurück an die Arbeit.

Mein “Mini Digital Detox” ist keine Wunderheilung. Ich verspüre nicht den Drang Instagram zu öffnen, oder meine Sommerkleidung aufzustocken, aber ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich jetzt total frei und gelöst bin. Ich habe mein Nutzungsverhalten besser unter Kontrolle und das macht mich effizienter.

Abend:
FAZIT

Feierabend, ab nach Hause. Ich lasse die letzten drei Tage Revue passieren. Was hat sich für mich verändert und wie positiv hat sich der Digital Detox wirklich ausgewirkt?

Ich muss sagen, dass ich diese drei Tage positiv erlebt habe. Ich war gleichermassen irritiert wie entspannt. Das anfängliche panische Suchen und die ersten Entzugserscheinungen verflogen schon am zweiten Tag ziemlich schnell. Vor allem die Smartphone-Nutzung ist bei mir stark mit Gewohnheit und Reflex verbunden. Habe ich einen Moment Ruhe, zücke ich das Handy. Brauche ich einen Moment Pause oder will die Gedanken schweifen lassen, öffne ich Instagram. Doch in Wirklichkeit entspannt mich das ewige Scrollen gar nicht.

In meinem Selbstversuch merkte ich, dass ich mich viel besser entspannen kann, wenn ich mir ein paar Minuten Offline-Zeit nehme. In Zukunft gehe ich lieber für 5 Minuten an die frische Luft und arbeite danach konzentriert weiter, anstatt in mein iPhone zu starren. Meine Augen und mein Kopf brauchen Pause. Wir sind so sehr damit beschäftigt, in Bildschirme zu starren, dass wir gar nicht mehr merken, was um uns herum passiert. Um nicht ständig abgelenkt zu werden, muss man die Angebotsvielfalt schlichtweg eliminieren. Mir hilft, nur ein Dokument offen zu haben und mich nur auf das zu fokussieren, was ich gerade brauche. Screen-Free Challenges helfen ebenfalls und motivieren, das gesetzte Zeitlimit ohne Smartphone einzuhalten.

 

Der Selbstversuch hat mir ein stärkeres Bewusstsein für mein Nutzungsverhalten ermöglicht und ich kann kontrollierter damit umgehen. In Zukunft werde ich nicht auf Steinzeit-Mechanismen zurückgreifen, aber ich werde mir hin und wieder eine Offline-Zeit nehmen und mir selbst etwas gutes tun. Und das Handy bleibt während der Arbeit in der Tasche.

Erfahrt im letzten Teil unserer Artikelreihe, welche Methoden mir geholfen haben, effizienter und konzentrierter zu arbeiten und wie du in Zukunft das Ablenkungspotenzial eliminieren kannst.